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Theoretischer Teil
der Diplomarbeit im Fachbereich Visuelle Kommunikation an der
Hochschule für bildende Künste
Hamburg, Dezember 2002
Prüfer: Prof. Hans-Joachim Lenger und Prof. Gerd Roscher
Einleitung
Um etwas über unser Bild der Natur sagen zu können,
bietet es sich an, es am Beispiel Arkadiens zu tun, dem idyllischen
Hirtenland abendländischer Kunst und Dichtung.
Zum einen spricht dafür, dass sich im Bild von Arkadien Pole
der Naturdarstellung in vielfältiger Weise verbinden. Dazu
kommt, dass diese Verbindungen eigentlich entgegengesetzter Betrachtungsweisen
noch heute den Umgang mit der Natur zu prägen scheinen.
So vereint Arkadien das Liebliche und das Rohe, den Ort der bukolischen
Muße mit dem des archaischen Schreckens. Darüber hinaus
dient es unter anderem sowohl als Modell vom paradiesischen Ursprung,
wie auch als Utopie. Es symbolisiert jedoch immer die Sehnsucht
des zivilisierten Menschen.
Zum anderen ermöglicht die lange Geschichte des Arkadienmotivs,
durch die Befragung auf Konstanten und Abweichungen, eine Entwicklung
in der Naturwahrnehmung nachzuzeichnen. Die Abweichungen spiegeln
Neuerungen im menschlichen Naturverständnis und sind damit
vorrangiges Forschungsfeld der Kunstgeschichte. Ich möchte
hier eher die Frage nach Konstanten stellen. Was sind die Konstanten
im Verhältnis von Hirtendichtung und Landschaftsmalerei?
Welche Schlüsse lassen sich daraus für unser Bild der
Natur ziehen?
Für Petra Maisak erklärt sich in "Arkadien
Genese und Typologie einer idyllischen Wunschwelt" die Beliebtheit
des Arkadienmotivs in der Malerei aus der erzählerischen
Struktur der arkadischen Hirtendichtung. Da die Texte wenig Handlung
und Bewegung aufwiesen, sondern sich eher auf die Schilderung
der Natur konzentrierten, lüden sie zur malerischen Umsetzung
ein.
Diese Erklärung scheint mir ergänzungsbedürftig.
Zur weiteren Untersuchung verfolge ich im ersten Kapitel die Umformungen,
die das Bild von Arkadien von der Antike bis ins 19. Jahrhundert
erfahren hat. Dabei lege ich meinen Schwerpunkt auf die Antike.
Die antike Arkadiendarstellung wird im weiteren Verlauf meiner
Untersuchung eine entscheidende Rolle spielen.
Ich möchte sie einer Auswahl konstitutiver Momente für
die Wahrnehmung von Landschaft gegenüberstellen, die ich
im Kapitel zwei aufgeführt habe. Diese Momente habe ich Matthias
Eberles "Individuum und Landschaft" entnommen.
Eberle geht der Frage nach, was die Landschaft eigentlich sei,
was ihr Wesen und was ihre Funktion wäre. Er tut dies allerdings
im Blick auf die Landschaftsmalerei, also einem Phänomen
der Neuzeit. Dennoch zeichnen sich bei der Lektüre Überschneidungen
mit dem Arkadienbild der Antike ab, die die Grundvoraussetzung
der Landschaftsmalerei betreffen: Die Wahrnehmung der Landschaft.
Das hätte Folgen für Eberles Argumentation: Denn die
Voraussetzungen und Folgen dieser Wahrnehmung sind für ihn
konstitutiv für die Positionierung des Individuums gegenüber
der Natur und damit auch für die Entstehung der Moderne.
Nun kann es in diesem Rahmen bei der Untersuchung von möglichen
Deckungsgleichheiten weniger um die Frage gehen, ob oder inwieweit
man in der Hirtendichtung eine Vorwegnahme der Fragestellung nach
dem Individuum bei der Landschaftsmalerei sehen kann oder möchte.
Vielmehr möchte ich in Kapitel drei versuchen, in der Untersuchung
dieser Naturdarstellungen innerhalb der einzelnen Darstellung,
sowie in ihrem Verhältnis zueinander Mechanismen abzuleiten,
die unserem Umgang mit der Natur immanent sind.
1. Die Transformation von Arkadien
Das geographische Arkadien benennt ein gebirgiges Hochland auf
der griechischen Halbinsel Peloponnes. Doch dieses Gebiet in Griechenland
stiftet dem poetischen Begriff von Arkadien lediglich die Kontur.
Die künstlerische Imagination entwickelt am Bild von Arkadien
ein Gegenbild zum Ungenügen der Welt, eine Wunschlandschaft.
Ein Leben natürlicher Einfachheit in einer idyllischen Landschaft,
abseits der Enge von Stadtleben und Arbeitswelt.
Das Arkadien der Antike
Laut Simon Schamas "Der Traum von der Wildnis" sammelt
Pausanias, ein griechischer Reiseschriftsteller des 2. Jahrhunderts,
die ersten mündlichen Überlieferungen über ein
wildes, archaisches Arkadien. In seinem Reisehandbuch schreibt
er über ein hartes, ödes Land, das abwechselnd von unfruchtbaren
Dürren und erbarmungslosen Überschwemmungen heimgesucht
wird. Die beherrschende Gottheit ist Pan, der panischen Schrecken
verbreitet und unter anderem mit Ziegen kopuliert. Sein Vater
Hermes bringt ihm aus Mitgefühl für seine unerwiderte
Liebe zu den Nymphen Echo und Syrinx das Masturbieren bei und
Pan lehrt es den Hirten. Die Arkadier sind Autochthone, der Erde
selbst entsprungene Tiermenschen, die älter sind als der
Mond. Sie hausen in rohen Hütten oder Höhlen, und ernähren
sich von Eicheln und von Fleisch und Milch ihrer Ziegen. Die Griechen
betrachten die Wildheit Arkadiens allerdings nicht als abstoßend.
Sie wird vielmehr mit der Fruchtbarkeit der Natur gleichgesetzt
und in Verkörperung von Pan (griechisch: alles)
gebraucht, um aus Unfruchtbarem Leben zu erwecken.
Dieses archaische Bild von Arkadien erfährt eine grundlegend
Umwertung in den Schriften des Theokrit, einem hellenistischen
Dichter des 3. Jahrhunderts vor unserer Zeit.
Er stammt ursprünglich aus Kos, lebt aber dann lange Zeit
in Alexandria und verbringt seine letzten Jahre auf Sizilien.
Dementsprechend konstruiert er sein Arkadienbild aus agrarischen
Versatzstücken seiner Wohnorte. Aus ägäischen Olivenhainen,
ägyptischen Kornfeldern und sizilianischen Weinbergen entsteht
das begriffsstiftende Idyll.
Der Ausdruck Eidylla wird ursprünglich für
eine Sammlung von Gedichten von Theokrit benutzt, die durchaus
nicht alle bukolischen Charakter haben und bedeutet vorerst nicht
mehr als Kleinere Gedichte. Erst durch die spätere
Einschätzung von Theokrit als Entdecker der Hirtendichtung
nimmt die Bezeichnung eidyllion die heutige Bedeutung
des Idyllischen an.
Unter der Bukolik versteht man seit Theokrit eine idealisierende
Dichtung mit Motiven aus der einfachen, naturnahen, friedlichen
Welt der Hirten.
In der Dichtung Theokrits finden sich keine Spuren des primitiven
Arkadiens mehr. Zwar gibt es noch Pan und die Hirten in seiner
Dichtung, aber Pan hat sich vom unberechenbaren Vergewaltiger
zum liebenswürdigen Schelm gewandelt und die Hirten veranstalten
Gesangswettbewerbe. Theokrit schildert die Hirten in realistischer
Weise, jedoch mit ironischem Unterton in ihrem alltäglichen
Milieu. Diese distanzierte Art der Betrachtung verdeutlicht den
Blickwinkel des Dichters: Seine Beschreibung vom Landleben ist
die eines Städters.
Vergil, römischer Staatsdichter des 1. Jahrhunderts vor unserer
Zeit, verbindet in seiner Dichtung die Bukolik mit der (von Theokrit
übernommenen) transformierten Landschaft Arkadiens, die seitdem
nahezu gleichgesetzt werden. Er vollzieht so die Umformung von
einem Land unmenschlicher Härte zum Garten Eden: Virgils
Schilderungen Arkadiens werden später von christlichen Dichtern
für die Beschreibung des Paradieses verwendet. Da das Paradies
ein Garten ist, kann umgekehrt ein Garten Paradies heißen.
Virgils Bezeichnung seiner Hirtengedichte, Eklogen,
bedeutet eigentlich nach lateinisch ecloga, ausgewähltes
Stück, wird aber in der Folge zum Gattungsname der
Hirtendichtung.
Wo Theokrits Dichtung noch realistisch Details beschreibt, sieht
Virgil nur Rührend-Bedeutungsvolles. Alles steht im Schimmer
des Gefühls. Alles Wilde ist verbannt. Aus Pans wahlloser
Besamung ist die dienstbare Fruchtbarkeit der Natur geworden.
Das Landleben wird als Zustand des mühelosen Wohlstands beschrieben,
bei dem der Boden ohne Pflügen Früchte und Korn hervorbringt
und "heimwärts tragen von selbst den strotzenden Euter
die Geißen".
Virgils Arkadien ist das genaue Gegenteil des archaischen Arkadiens
aus den Überlieferungen des Pausanias, wo präselenische
Menschen wie Tiere aussehen und sich auch so benehmen. In Virgils
Arkadien dagegen verhalten sich die Tiere wie Bürger eines
vollkommenen politischen Gemeinwesens. In dieser nur leicht verhüllten
Allegorie können wir schon die Elemente der Landschaft des
Renaissance-Humanismus sehen: fleißige Arbeit, sanftes,
fleischiges Vieh und überreiche Felder und Obstgärten,
und all das überwacht politisch und optisch
das Auge der Väter des Stadtstaates.
Trotzdem oder auch gerade deswegen stellt dieses Ideal vom Landleben
in der Antike ein Korrektiv für die Verworfenheit, Intrigen
und Krankheit der Stadt dar. Auch, wenn es in dieser Version wohl
eher das Produkt des methodischen Geistes zu sein scheint, als
ein Tummelplatz der befreiten Sinne.
Bei diesem Modell ist eine Spielart der Künstlichkeit am
Werk, die natürliche Formen vor Augen führt, aber dafür
sorgt, dass sie korrigiert werden, um das Unansehnliche oder Störende
zu beseitigen. Eine solche Darstellung einer Wunschwelt, die über
die schnöde Realität weit hinausgeht, entspricht dem
Postulat der idealen Naturnachahmung. Das wiederum geht auf das
Prinzip der Mimesis zurück, welches besonders in der aristotelischen
Ästhetik vertreten wurde: Die Kunst solle die Natur abbilden,
wie sie sein soll, nicht wie sie ist.
Auf der anderen Seite trägt Virgils Verklärung des Landlebens
jedoch auch durchaus biographische Züge: Die Vertreibung
vom väterlichen Landgut zugunsten von Veteranen der römischen
Bürgerkriege bleibt ihm lebenslang in Erinnerung und findet
in seinen bukolischen Gedichten Ausdruck.
Das Arkadien der Neuzeit
Im Spätmittelalter und in der Frührenaissance folgt
eine Verklärung des mittlerweile ins christliche Verständnis
eingebetteten Hirtentums. Die an die Etikette gebundene höfische
Gesellschaft wertet es von diesem Zeitpunkt an als Sinnbild einer
alternativen Lebensform.
Als Vergils Texte Mitte des 15. Jahrhunderts in gedruckten Ausgaben
erhältlich sind, scheint Arkadien einzigartig wegen der Lieblichkeit
seiner Luft und des wohltemperierten Sinns der Bevölkerung.
In England werden nach dem Modell von Virgils Beschreibungen Villengüter
entworfen.
1480 erscheint "Arcadia" von Jacopo Sannazaro. Der Roman
beschreibt das Pilgern von arkadischen Hirten zu einem Tempel
und in ausführlicher Weise dessen Fresken. Die arkadische
Idee erscheint hier in einem Traumbild des Goldenen Zeitalters.
Die Begriffe von Urbild Goldener Zeit und Abbild Arkadien,
die Vergil noch trennt, sind seitdem fest verbunden. Die Landschaftsschilderungen
und die Motive der Fresken prägen das Vorstellungsbild Arkadiens
in Dichtung und Malerei für lange Zeit. Sie sind neben der
antiken Bukolik Vorbild für venezianische Maler der Renaissance
wie Tizian und Giorgione.
Karel van Manders etabliert in seinem "Lehrgedicht"
die Landschaftsmalerei als besondere Bildform in der Kunsttheorie.
In dieser Schrift empfiehlt er die Vorlage aus der Literatur als
Anregung für Maler und zieht dabei die Verbindung von Pastoraldichtung
und landschaft. Dadurch wird Arkadien in der Kunsttheorie
verankert und erscheint in der Malerei als nachahmenswerte Vorlage.
So werden Arkadiendarstellungen im 16. Jahrhundert zur Konvention
und gehören bald zum festen Bestandteil der Malerei.
Der Arkadiengedanke findet in der Lyrik des 17. Jahrhunderts kaum
Niederschlag, dafür schenkt ihm die Malerei verstärkt
Beachtung. Im Zuge der Entdeckung von Ovids "Metamorphosen"
für die bildende Kunst wird der poetische Arkadienbegriff
vom mythischen überlagert. Parallel dazu entwickelt sich
als Reaktion auf die Gegenreform aus der Verknüpfung von
Christentum und Bukolik die geistliche Pastoralidylle.
Das 18. Jahrhundert behandelt die Arkadienvorstellung als einen
Schnittpunkt zwischen Kunst und Leben und einen selbverständlichen
Bestandteil seiner Kultur. Arkadische Motive werden vermehrt in
den Alltag geholt, etwa in Formen von Tapeten- oder Porzelanmalerei.
Schließlich verfestigt sich im 19. Jahrhundert die Struktur
der Arkadiendarstellung derart, dass sie als zunehmend langweilig
und steril empfunden wird und langsam verschwindet.
2. Konstitutive Momente der Landschaft
Matthias Eberle geht in "Individuum und Landschaft
Zur Entstehung und Entwicklung der Landschaftsmalerei" der
Frage nach, wie sich das historisch konstituiert, was wir Landschaft
nennen. Eberle beschreibt die wirtschaftlichen, wissenschaftlichen
und gesellschaftlichen Umbrüche, denen der Mensch mit dem
Beginn der Neuzeit ausgesetzt ist. Diese Umbrüche erfahre
der mittelalterliche Mensch als Krise, aus der sich dann, als
Reaktion, das moderne Individuum konstituiere. Dieses spüre,
dass es sich auf seinem Weg in die Zivilisation zunehmend von
der Natur entfernt habe. Die Landschaftsmalerei sei eine Kompensation
für den Verlust der vormaligen Einheit mit der Natur. Nur
in der Vermittlung durch die Kunst erschließe sich dem Menschen
der Sinn der Schöpfung.
Im Folgenden habe ich Momente aus "Individuum und Landschaft"
zusammengestellt, deren Sinngehalt sich meiner Meinung nach nicht
auf die Neuzeit beschränkt. Ich lese sie weniger als Augenblicke,
sondern eher als Umstände des Menschen in seinem Umgang mit
der Natur.
Zur Bedeutung der Landschaftswahrnehmung
Um die Möglichkeit zu haben, Landschaft darzustellen, bedarf
es laut Eberle zunächst ihrer Wahrnehmung als solcher. Diese
Position stellt bestimmte Forderungen an die Betrachter. Sie müssen
zunächst die sie umgebende Natur von ihrer eigenen unterscheiden.
Tun sie dies, sagen sie sich damit von ihr los und sind fortan
von ihr ausgeschlossen. Die Natur ist außerhalb von ihnen
existierend; sie stehen ihr gegenüber. Die Natur ist nicht
mehr in ihnen. Sie sind nicht mehr Natur. Diese Situation erst
zwingt sie zu der Möglichkeit, sich mit ihr auseinanderzusetzen.
Allerdings bleibt ihnen nur das Bild, das sie von der Natur haben,
als Mittel dieser Auseinandersetzung. Um dieses Bild zu erlangen,
müssen sie den Teil, den sie von der Natur wahrnehmen, zum
Abbild der ganzen Natur machen. Da sie nichts wahrnehmen können,
was nicht schon in ihnen angelegt ist, schauen sie in ihrem Bild
der Natur auch immer eine Projektion ihrer Selbst.
In diesem Akt erschafft sich das Subjekt im wahrsten Sinne des
Wortes als Individuum: Das lateinische Wort individuum
setzt sich zusammen aus dem in, das sowohl ein,
als un bedeutet und dividus, das teilbar,
geteilt, getrennt ausdrückt und sich seinerseits von
dividere ableitet, dessen Stammverbum, videre
, sehen bedeutet. Individuum sagt also
auch: Ein im Sehen Getrennter und Trennender, der,
eben weil er sehen muss um zu wissen, trennt und das Getrennte
imaginär wieder zur Einheit bringt.
Folglich stellt man mit der Frage nach der Entwicklung der Landschaft
auch immer die nach der Entstehung und Konstituierung des Individuums.
Die ursprüngliche Landschaft
Eberle findet den Ursprung der Landschaft in ihrer etymologischen
Bedeutung. Landschaft leitet sich vom althochdeutschen Wort landscaft
her. Dabei definiert sich land in Opposition zu Wald
und benennt Rodeland, Brachland, bebau- und bewohnbares Land.
Scaft war ursprünglich ein Substantiv in der
Bedeutung von Beschaffenheit. Das Verb hat die Bedeutung schaffen,
im Sinne von: eine Ordnung herstellen, einrichten.
Landscaft bezeichnete also die besondere Beschaffenheit
einer Gegend, laut Eberle "die charakteristische Ordnung
einer Gegend oder eines Landes, wie sie von Natur gegeben und
eingerichtet ist". Zu dieser Ordnung der Natur gehört
auch das Recht, auf das sich die Bebauer des Landes geeinigt haben.
Dieses ist über den Begriff der Landschaft mit dem Boden
verbunden: Mensch und Natur erscheinen hier als untrennbare Einheit.
Eberle zitiert Max J. Friedländer, für den diese Phase
untrennbar mit der agrarischen Produktionsweise verbunden ist.
Er sieht den Bauern als ein sich noch nicht von Natur unterscheidendes
Subjekt, weil seine Tätigkeit direkt auf Natur gerichtet
ist und von ihr bestimmt wird. Seine Erfahrungen von Natur sind
unmittelbar, seine Praxis von ihr abhängig. Er lebt also
in unbewusster Einheit mit ihr und hat gar keine Möglichkeit,
sich ihr frei als seiner selbst bewusstes Individuum entgegenzustellen.
Er weiß den Zusammenhang zwischen sich und der Natur in
der umfassenden Ordnung der Landschaft und muss dazu die Natur
nicht erst interpretieren.
Die Krise der urwüchsigen Landschaft
Nach Eberle geht die Krise der urwüchsigen Landschaft von
der Stadt aus. Sie steht symbolisch für die gesellschaftliche
Teilung der Arbeit. Die neue Wirtschaftsform der Warenproduktion
schiebt sich zwischen Mensch und Natur: Er steht nicht mehr in
einem naturwüchsigen Abhängigkeitsverhältnis zu
ihr, sondern seine Rohstoffe sind schon selbst Resultat der Arbeit.
Er produziert nicht mehr für den eigenen Bedarf, sondern
für den Markt. Seine Existenz gründet sich nicht länger
auf als natürlich angesehene Zusammenhänge (erst säen,
dann ernten), sondern auf dem gesellschaftlichen Austausch seiner
Waren. Durch die daraus folgende Notwendigkeit, alle Dinge und
Bedürfnisse des menschlichen Lebens in einem gemeinsamen
Dritten, dem Geld, auszudrücken, erfährt neben all diesen
Dingen und Bedürfnissen vor allem das menschliche Leben eine
grundsätzlich neue Einschätzung.
Die wirtschaftliche Umwälzung geht einher mit einer Rationalisierung
der Gesellschaft, die ihrerseits zu einem grundsätzlich neuen
Verhältnis zu Zeichen und Körpern führt. Eine neue
Ästhetik bildet sich heraus: An die Stelle eines vornehmlich
auditiven tritt ein vornehmlich visuelles Weltverständnis,
das den Anforderungen einer dynamischen Welt besser gerecht zu
sein scheint. Dieser Prozess führt zu einer tiefgreifenden
Veränderung in Motivwahl und Darstellungsweise der bildenden
Künste. Der Willen des Menschen, sich in der immer schnelleren
Welt zurechtzufinden, findet Ausdruck in den künstlerischen
Motiven: Natur, Haus, Hausrat und Gerät werden möglichst
wirklichkeitsnah abgebildet und so genaustens untersucht.
Die Freiheit der Natur
Die Stadt sollte den Menschen von der Launenhaftigkeit der Natur
schützen. Doch sie wird als Gefängnis des gesellschaftlichen
Lebens empfunden.
Eberle sieht im Leben in der Natur, als Gegenüber zur Stadt,
Fluchtmöglichkeiten vor der Verderbtheit der Sitten und den
starren gesellschaftlichen Verhältnissen. Auf dem Lande genießt
das Individuum eine Freiheit, die es in der Stadt vermisst.
Allerdings hat sich das Individuum von seiner unmittelbar auf
Natur gerichteten Praxis entfernt, die vormals den sinnvollen
Zusammenhang zwischen Mensch und Natur stiftete. Der Mensch spürt
in seiner Andersartigkeit gegenüber der Natur den Wunsch,
sich mit ihr zu verbinden. Doch er ist nicht mehr in der Lage,
in sich die Stimme der Natur zu hören, sondern muss sich
das Wesen der Natur empirisch erschließen. Jedoch fehlt
es den empirischen Fakten an Zusammenhang. Der Mensch benötigt
ein Instrument, das aus diesen Teilen, durch die er die Natur
wahrnimmt, das Abbild der ganzen Natur macht: Die ästhetische
Betrachtung der Objektwelt sorgt für die Übereinstimmung
der wahrgenommenen Teile mit dem Subjekt, indem es sie nach Stimmung,
Gefühl und Wissen ordnet. So hinterlegt das Subjekt seinen
Sinneseindrücken gleichsam seine eigene Natur und ergänzt
so das aus sich heraus, was dem Ausschnitt notwendig fehlt: Die
ganze Natur.
Die Landschaft ist also an einen individuellen Betrachter gebunden,
der ästhetisch zwischen sich und der Natur zu vermitteln
sucht und erlischt ohne seine Vermittlungstätigkeit. "Ein
Sonnenaufgang, den kein Menschenauge sieht, macht die Welt nicht
wertvoller und erhabener" (Georg Simmel).
Die Natur der Künstler
Laut Eberle kann also durch die Kunst die vollkommene Verbindung
von Mensch und Natur erreicht werden, die in der gesellschaftlichen
Praxis nicht möglich ist. Dadurch rücken Künstler
in die Rolle der Vermittler. Künstler und ihre Werke werden
zunehmend so beschrieben und verstanden, als ob die Natur in ihnen
zu sich selbst käme. Künstler sind nicht nur Künstler
von Natur aus, sie schaffen selbst wie die Natur. Sie ahmen nicht
nur die äußeren Erscheinungen der Natur nach, sondern
auch den natürlichen Prozess, der diese Erscheinungen hervorbringt.
Indem sie die vereinzelten Dinge in eine neue Ordnung transportieren,
die sie durch ihre Empfindungen und ihr schöpferisches Vermögen
schaffen, erzeugen sie in sich den Inbegriff von Welt. Sie ordnen
die erscheinende Wirklichkeit sinnvoll in Stellvertretung für
ihre Mitmenschen. Die von ihnen entworfene und eingerichtete Ordnung
ist keine natürliche mehr, sondern eine ästhetische,
ideelle, moralische. Zwar können sie das Wesen der Welt oder
eines Menschen nicht definieren, aber sie können es, indem
sie die Erscheinungen ordnen, sichtbar werden lassen. Dadurch
werden sie und ihre Kunst in einer gewissen Weise autonom vom
sonstigen gesellschaftlichen Alltag.
Den Betrachtern gewährt die Kunst für die Dauer der
Versenkung die in der Alltagspraxis vermisste sinnvolle Übereinstimmung
mit der Natur. Allerdings unter der Voraussetzung, dass sie von
sich als konkretem, tätigen Wesen absehen und sich in ein
passives Objekt der reinen Versenkung verwandeln.
So zieht das ursprünglich wohl ökonomisch geprägte
Interesse der Stadtbewohner am Umland die wissenschaftliche Erforschung
und künstlerische Darstellung der Natur nach sich. Die künstlerische
Darstellung des Landes kommt besonders dem stadtbürgerlichen
Interesse entgegen, den nicht unmittelbar genussvollen materiellen
Nutzen aus den Ländereien durch einen gleichgerichteten ästhetischen
Zugang zu ergänzen. So wird es dem Bürger möglich,
die aus dem Profitstreben resultierende Gleichgültigkeit
gegenüber den Dingen durch ästhetische Objektbeziehungen
zu überwinden.
3. Naturbilder in Hirtendichtung und
Landschaft
Im Folgenden möchte ich versuchen, strukturelle Deckungsgleichheiten
in den Naturbildern von Hirtendichtung und Landschaftsmalerei
herauszuarbeiten. In ihrer Gegenüberstellung sollen dann
Umstände abgeleitet werden, auf die sich unser Umgang mit
der Natur gründet.
Entfernung von der Natur
Bei Eberles Theorie der Landschaftswahrnehmung bedarf der Mensch
der ästhetischen Betrachtung der Natur dann, wenn er spürt,
dass er sich zu sehr von der unmittelbaren Praxis mit der Natur
entfernt hat. Auf seinem Weg in die Zivilisation ist sie ihm fremd
geworden. Die neue Wirtschaftsform hat sich in Gestalt von Stadt,
Markt und Geld zwischen ihn und die Natur geschoben. Er ist nicht
mehr in der Lage, die Stimme der Natur in sich zu hören,
die vormals den sinnvollen Zusammenhang zwischen Mensch und Natur
stiftete. So spürt er seine Fremdheit und darin den Wunsch
nach einer Verbindung mit der Natur.
Beim Studium der antiken Autoren kann diese Motivation durchaus
nachvollzogen werden. Die unterschiedlichen Darstellungen des
Hirtentums verweisen dabei auf verschiedene kulturelle Neuerungen,
die den Menschen glauben lassen, er habe seine Verbindung zur
Natur verloren. Der ersehnte Naturzustand wird mit einer überwundenen
Kulturstufe gleichgesetzt, die dann rückblickend als vorkulturell
betrachtet wird.
Bei den Überlieferungen des Pausanias haben wir es mit der
Darstellung einer im wahrsten Sinne des Wortes vorkulturellen
Natur zu tun. Bezeichnet das lateinische cultura doch
nicht nur die Geisteskultur, sondern findet auch von Anfang an
Verwendung für die Bodenkultur. Genau in diesem Horizont
lässt sich diese Naturdarstellung lesen. Als Rückblick
einer agrarischen Gesellschaft auf die nun abgelöste Kulturstufe
des Hirtentums, als man zwar noch in einer direkteren Weise der
Willkür der Natur ausgesetzt war, dafür aber noch in
der Lage war unentfremdet von der Technik des Ackerbaus
ihren Pulsschlag zu hören.
Im Arkadien des Theokrit wird Ackerbau getrieben, seine Hirten
sind umgeben von Olivenhainen, Kornfeldern und Weinbergen. Und
doch kann man nicht sagen, dass es sich bei ihnen um Naturburschen
handelt. Denn der Dichter lässt sie höchst literarisch
erscheinen und spielt damit mit dem Gegensatz zwischen Ländlich-Primitivem
und Städtisch-Gebildetem. So gibt sich seine Dichtung als
eine städtische Imagination zu erkennen, die den ursprünglichen
Menschen auf dem Land verortet. Daraus lässt sich folgern,
dass Theokrit das Stadtleben als gegenwärtigen Stand seiner
Kultur empfindet. Da er sich als Städter vom Landleben ausgeschlossen
weiß, ist es ihm möglich, es in seiner Weise zu idealisieren.
Als Virgils Ekloge entstanden, steckte Rom noch in den Wirren
der Bürgerkriege. In der Übernahme der Landschaftsdarstellung
seines literarischen Vorbilds Theokrit kann man eine Sehnsucht
nach einer vergangenen Zeit der Muße und des Friedens erkennen.
Diese Zeit ist für Virgil mit der griechischen Klassik verbunden,
in deren Tradition er sich sieht. Allerdings bleibt er aus dieser
vergangenen Zeit ähnlich hoffnungslos ausgeschlossen, wie
vom väterlichen Landsitz. So bleibt ihm nichts weiter als
ein zartes Sehnen nach dem Ort seiner Glückseligkeit. Im
Wissen dieser Hoffnungslosigkeit besteht keine Notwendigkeit,
sein Ziel in einer realistischen Weise zu beschreiben. Da er es
sowieso nicht erreichen kann, kann es umso phantastischer sein.
So sieht der Mensch sich also in einem beständigen Entfernen
von der Natur auf dem Weg in die Zivilisation. Nach jedem Schritt
muss er bedauernd erkennen, dass er sich damit wieder weiter entfernt
hat. Je weiter er sich entfernt wähnt, desto stärkeren
Ausdruck findet seine Sehnsucht.
Der Ursprung
Bei den genannten Beispielen erfährt das Subjekt eine Teilung
im Einbruch einer Technik und bedarf der Imagination zur Schaffung
seiner Einheit.
Fraglich wird es dann, wenn innerhalb dieser Argumentation eine
faktische Einheit als Beweis der späteren Teilung
herangezogen wird.
Diese Vorgehensweise findet sich bei Eberle ebenso wie in der
Überlieferung des Pausanias. Eberle möchte einen Ursprung
in der sprachlichen Herkunft der Landschaft finden und muss dann
Rodeland, also Kulturland, als diesen ausweisen. Der griechische
Volksmund möchte ursprüngliche Menschen beschreiben,
noch halbe Tiere, die autochthon, also der Erde selbst entsprungen
sind. Und findet doch nur wieder Menschen, deren Lebensgrundlage
eine Technik, die der Tierzähmung oder sogar züchtung
darstellt. Mit etwas Phantasie kann man sich archaische Arkadier
vorstellen, die beim Melken ihrer Ziegen von den unsicheren, aber
herrlich unbeschwerten Zeiten schwärmen, als sie noch Jäger
und Sammler waren.
Das gemeinsame Dritte
Die Verortung eines Ursprungs scheint demzufolge nicht haltbar
zu sein. Wann immer der Moment festgelegt wird, an dem der Mensch
sich von der Natur entfremdet hat, erweist sich dieser Moment
als Übergang von einer Kulturstufe zur nächsten.
Dies scheint ein Widerspruch zu Max J. Friedländers Behauptung
darzustellen, dass Mitglieder agrarischer Gesellschaften keine
Landschaft wahrnehmen können, weil es ihnen nicht möglich
ist, sich als Subjekte von der Natur zu unterscheiden.
Sinn bekommt diese These erst dann, wenn man sie durch die später
angeführte "Ästhetische Erziehung des Menschen"
von Schiller ergänzt, der ähnlicher Meinung zu sein
scheint: Den Bauern gehe es gegenüber der Natur so, wie dem
Kind gegenüber der Welt der Objekte: "Solange der Mensch
in seinem ersten physischen Zustande die Sinnenwelt bloß
leidend aufnimmt, ist er noch völlig eins mit derselben,
und eben weil er selbst bloß Welt ist, so ist für ihn
kein Welt. Erst wenn der Mensch im Laufe seiner Entwicklung die
Einheit mit der Objektwelt verliert, indem er sie zu beherrschen
und sich vorzustellen beginnt, tritt er ihr als selbstbewusstes
Subjekt gegenüber. Erst wenn er in seinem ästhetischen
Stande sie außer sich stellt oder betrachtet, sondert sich
seine Persönlichkeit von ihr ab, und es erscheint ihm eine
Welt, weil er aufgehört hat, mit derselben Eins auszumachen".
Das Subjekt steht also der Natur gegenüber. Um nun etwas
von seinem unbekannten Gegenüber zu erfahren, ist es auf
die Vermittlung angewiesen, die sich in gleicher Weise verbindend
und trennend zwischen Subjekt und Natur schiebt. Der Mensch hat
keine andere Möglichkeit, als der Natur medial gegenüberzutreten.
Eberle zeigt, dass die Landschaftsmalerei ein solches Medium ist.
Allerdings sind auch die als gemeinsame Dritte bezeichneten kulturellen
Neuerungen Stadt, Geld und Markt Teile dieses Medienverbundes.
Und in der gleichen Weise kann man ebenso die Techniken Ackerbau
und Tierzüchtung als Mittler zwischen Mensch und Natur sehen.
Demnach wäre es also angebrachter, eine Vorstellung von den
Wirren medialer Umbrüche zu entwickeln, als das Bild vom
Zersplittern vormaliger Einheiten zu bemühen.
Die Sehnsucht steckt im System
Wie sehr das Problem eines von Zeichenökonomien ist, zeigt
sich an anderer Stelle in Eberles Text. Georg Simmels Naturbegriff
beinhaltet laut Eberle ausdrücklich auch das, was uns die
ganze Natur ahnen lässt. Damit befinden wir uns mitten im
sprachlichen Dilemma. Da solch ein Symbol immer nur etwas Einzelnes
sein kann, wird die Bestimmung der Natur an ihm problematisch.
Denn, ein Stück Natur ist eigentlich ein innerer
Widerspruch; die Natur hat keine Stücke, sie stellt die Einheit
des Ganzen dar, und in dem Augenblick, in dem irgend etwas aus
ihr herausgestückt wird, kann man eigentlich nicht mehr von
Natur sprechen. "Ein Stück Boden, was darauf ist, als
Landschaft anzusehen, heißt einen Ausschnitt aus der Natur
nun seinerseits als Einheit zu betrachten was sich dem
Begriff der Natur ganz entfremdet".
Für Eberle besteht hier ein Widerspruch zwischen dem Besonderen
(Teil der Erdoberfläche) und dem Allgemeinen (Natur), der
allerdings durch die individuelle Betrachtung (die Landschaftsmalerei)
aufgehoben werden könne. Mir scheint dieser Konflikt zu tiefgreifend,
als dass man ihm mit dem Begriff des aufgehobenen Widerspruchs
gerecht würde.
Er deutet zunächst einmal auf das allgemeine sprachliche
Problem, dass ein Begriff (oder ein Symbol) nicht das Ding ist,
das er bezeichnet. Da er eine Art Platzhalter darstellt, stellt
er, ganz im Gegenteil, die Abwesenheit des Dings dar.
Wenn es nun darum geht, die Natur, die Schöpfung in ihrer
unendlich Gesamtheit, zu bezeichnen, wird dieses Problem in einer
außergewöhnlichen Schärfe deutlich. Hier kann
der Mensch wohl nicht anders, als sich dieser sprachlichen Kluft
gewahr zu werden und wird so mit seinem Ausgestoßensein
konfrontiert: Er spürt, dass er mit der Benennung der Natur
alles ausgrenzt, was Natur ist, und gleichzeitig das in seinen
Besitz nimmt, was er benennt. Gleichzeitig ist er allerdings als
natürliches und kulturelles Wesen zur Vermittlung dieses
Widerspruchs gezwungen. Somit ist der Mensch gefangen in einer
traumatischen Struktur, die ihn fortwährend zwingt, die Kluft,
die die Sprache in ihn reißt, imaginär zu überbrücken.
So ist das Sprechen von der Natur auch immer eine Manifestation
ihres Ausschlusses. Ihre Abwesenheit ist in jedes ihrer Symbole
eingeschrieben. Die Sehnsucht steckt im System.
Literatur:
Curtius, Ernst Robert: "Die Ideallandschaft" in "Europäische
Literatur und lateinisches Mittelalter", Bern 1948
Duden: "Das Herkunftswörterbuch", Mannheim 1989
Eberle, Matthias: "Individuum und Landschaft", Gießen
1980
Maisak, Petra: "Arkadien Landschaft vergänglichen
Glücks", Frankfurt am Main 1992
Runte, Jessica: "Die Arkadiendarstellungen Ian Hamilton Finlays
in den Footnotes to an essay von 1977", Magisterarbeit
Bochum 2001
Schama, Simon: "Das neugestaltete Arkadien" in "Der
Traum von der Wildnis", München 1996
Simmel, Georg: "Philosophie der Landschaft" in "Brücke
und Tor", Stuttgart 1957
Snell, Bruno: "Arkadien. Die Entdeckung einer geistigen Landschaft"
in "Die Entdeckung des Geistes", Göttingen 1975 |
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